Leben ohne Glotze
07.02.2010
Tatort, CSI, Scrubs, Simpsons, Spongebob, ZiB 2, Fußball ... wie wäre eigentlich ein Leben ohne Fernsehen? Bereichert, meint Maria, die mit ihrem Mann und ihren drei Kindern seit über fünf Jahren ohne Kiste lebt.
Kommentare von Freundinnen in der Schule gab’s anfangs genug. „Wirklich, kein Fernseher? Ist das nicht komisch?“ „Nein“, meint Paula (8), „ das ist nicht komisch, aber ich hätte schon gern einen Fernseher“. Bruder Caspar (9) manchmal auch. Ihre Schwester Adele (5) kann gut ohne leben, denn dafür lassen sich die Kinder immer wieder neue Spiele einfallen. „Zum Beispiel sind wir dann Elfen, die in die Elfenschule gehen, keinen Papa und keine Mama haben und tun können, was sie wollen.“ Nur nicht Fernsehen natürlich. Neulich bauten sie aus einem herumliegenden Regal und Töpfen ein Restaurant, dann wieder spielen sie Bücherei oder bauen mit Duplo-Steinen Burgen und Türme. Caspar spielt nicht Elfe, er baut lieber Fahrzeuge und Häuser aus Bausteinen.
Eine ganz normale Familie
Sie dürfen Süßes essen und hin und wieder Gameboy spielen. „Ganz aus der Welt sind wir nicht. Wir haben auch zwei Computer im Haus“, relativiert Maria das fernsehlose Aufwachsen. Computerspiele am Notebook sind zeitweise erlaubt, allerdings nur „Mädchenspiele“, bei denen man Puppen anzieht. Caspar hatte eine Phase, in der er täglich bei seinem Freund war und dort ausschließlich am Computer spielte. „Der Mama war das nicht recht, aber ich hab trotzdem gespielt und es hat Spaß gemacht.“ Maria ist nicht grundsätzlich gegen Computerspiele. Doch ihr ist wichtig, dass es in Maßen geschieht. Dennoch fand sie sich mit der Situation ab – und die Phase ging auch wieder vorüber. „Jetzt spiel’ ich nimmer so viel Computer. Ich tu lieber was draußen. Skateboarden, Fußball spielen oder so“, erzählt Caspar. Wenn das Wetter schlecht ist, dürfen die Kinder auch mal DVD schauen. Eine ganz normale Familie also, nur etwas anders eben. „Ich wollte nicht, dass der Fernseher zum Babysitter wird, wenn ich überfordert bin. Die Kinder sollen lernen, sich selbst zu beschäftigen und sich Spiele einfallen lassen. Wenn sie regelmäßig vor dem Fernseher sitzen würden, ginge durchs passive Zuschauen nur ihre Kreativität verschütt. Und außerdem finde ich, dass Langeweile zum Leben gehört“, erklärt Maria ihre Position. 
Plötzlich war der Bildschirm schwarz
Vor fünfeinhalb Jahren beschlossen Maria und ihr Mann Bertram, in der Fastenzeit auf das Fernsehen zu verzichten – nur Nachrichten waren noch erlaubt. Kein Wunder, waren doch beide früher als Journalisten tätig gewesen. „Drei Tage später, als wir gerade ZiB schauten, machte es ‚Puff’ und der Bildschirm war schwarz. Wir waren uns einig, dass wir das als Anlass nehmen und die Glotze aus dem Haus entfernen“, erinnert sich Maria an den Beweggrund, ohne bewegte Bilder zu leben. „In den ersten Tagen fühlte ich mich von der Welt abgeschnitten, die wir bis dahin jeden Abend ins Wohnzimmer holten.“ Maria hatte mit den drei Kindern kaum Zeit für sich selbst und setzte sich abends eben mit ihrem Mann vor den Fernseher. Ohne Gerät lag der Fokus nun plötzlich auf dem „Hier-Sein“, was das Familienleben wie auch das partnerschaftliche Leben bereicherte. „Wir reden dadurch einfach auch viel mehr miteinander.“ Was zudem erspart bleibt, sind das Aushandeln, welchen Sender die Kinder nun sehen dürfen, der Streit ums Programm oder der Kauf von drei Fernsehern. „Eine Schulkollegin von mir, die hat noch ein Geschwister und die haben sogar vier “, erklärt Paula die andernorts praktizierte Fernseherkultur.
Ein Kurs in Sensibilisierung
„Ich bin jetzt sicher schlechter informiert. Trotzdem fehlt mir nichts, weil ich das Wichtigste über die Zeitung und das Radio mitbekomme.“ Die Intensität bewegter Bilder und die zunehmende Geschwindigkeit der Bildabfolge sind Maria heute zuviel. Die Verwüstungen des Tsunami habe sie beispielsweise zunächst nur aus der Zeitung gekannt. Als sie dann bei ihrer Mutter im Fernsehen tote Leichen im Wasser schwimmen sah, spürte sie, wie stark die Bilder berührten, ohne, dass sie es dosieren konnte.
„Für mich zählen Begegnungen, also Zeit und Raum mit anderen Menschen zu teilen. Hier spielt sich das Leben ab.“ Das möchte sie auch ihren Kindern mitgeben und so freut sich Maria, wenn Paula eine gute Freundin der Familie auf der Straße sieht und erzählt, dass sie glücklich oder traurig aussah. „Es ist nicht selbstverständlich, dass Kinder die Gefühle anderer Menschen mitbekommen.“ Dosierter und bewusster Medienkonsum trage dazu einen wesentlichen Teil bei, ist sie überzeugt. Außerdem stellt die Mutter fest, dass ihre Kinder nach aktivem Spielen eine Begeisterung ausstrahlen, die nach dem Fernsehen nicht vorhanden ist.
Ganz ohne geht’s nicht
Doch ganz ohne Fernsehen geht es dann doch nicht. Kim Possible, Spongebob, Simpsons oder „den Puppenfilm“ schauen die drei alle zehn Tage mal bei der Oma. Für eineinhalb Stunden dürfen sie dann die Kiste anmachen. „Ich bin nicht grundsätzlich gegen Fernsehen und kann auch nicht sagen, ob das immer so bleiben wird, aber in der jetzigen Lebensphase passt es sehr gut so“, lässt Maria die Zukunft offen. Selbst sucht sie auch gelegentlich einen Fernseher bei Freunden oder den Eltern auf – in erster Linie, um Interviews nach Wahlen oder Wahlergebnisse zu verfolgen. „Wenn ich das am Tag danach in der Zeitung lese, ist das uninteressant.“ Ihr Mann Bertram kommt dann mit. Die Champions League lässt er sich übrigens auch nicht entgehen.
Autor: Julia Brugger
Fotos: Gerhard Berger




















